Fastnachter fürchten um ihre Umzüge

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In der Wagenhalle des Großen Rats im Ostend laufen die letzten Vorbereitungen auf den Umzug auf Hochtouren. Der Höhepunkt der Fastnacht bereitet Zugmarschall Rene Fischer (hinten in Schwarz) und Mitstreitern aber auch Sorgen. © Rainer Rüffer
In der Wagenhalle des Großen Rats im Ostend laufen die letzten Vorbereitungen auf den Umzug auf Hochtouren. Der Höhepunkt der Fastnacht bereitet Zugmarschall Rene Fischer (hinten in Schwarz) und Mitstreitern aber auch Sorgen. © Rainer Rüffer

Wer soll das bezahlen? Großer Rat rechnet dieses Jahr mit Mehrkosten von bis zu 80 000 Euro.

Die Frankfurter Narren fiebern dem Höhepunkt des Fastnachts-Saison entgegen: dem Fastnachtszug. Zugmarschall René Fischer ist zurzeit fast täglich in der Halle des Großen Rats. Hier erhalten die Motivwagen den letzten Schliff für den Umzug am 19. Februar – ein Termin, dem die Narren nach zwei wegen der Pandemie ausgefallenen Umzügen entgegenfiebern.

Doch die Welt ist aus den Fugen. „Alles ist teurer geworden“, sagt Fischer. „Die Preissteigerung liegt für alles bei 20 bis 30 Prozent, wahrscheinlich eher 30 Prozent.“ Der letzte Umzug 2020 ist mit 260 000 Euro zu Buche geschlagen. „Wie viel es jetzt kostet, wissen wir noch nicht“, sagt Fischer, „aber wir rechnen mit 60 000 bis 80 000 Euro mehr.“

Die Kamelle kosten ebenso reichlich mehr wie die Miet-Toiletten, die Sicherheitskräfte ebenso wie das Absperren einer Straße: Der Große Rat ist mehr den je auf Sponsoren angewiesen, die die Aufwendungen des Zuges finanzieren.

Andere sehen noch andere Probleme. So klagt Michael Schneider, der Vorsitzende der Sossenheimer Kerbeburschen, dass es für die Wagen, die am Zug teilnehmen sollen, immer strengere Regeln gebe. „Wir müssen jedes Jahr über den sogenannten Brauchtums-Tüv“, sagt er, „und jedes Jahr gibt es Verschärfungen.“ Beim Wagen der Sossenheimer Kerbeburschen hat es gerade noch gereicht für ein weiteres Jahr. „Sie haben die Anforderungen für die Bremskraft der Wagen erhöht.“ Aber die Wagen fahren beim Umzug wie in all den Jahren zuvor nur mit Schrittgeschwindigkeit. „Wozu diese Verschärfungen?“, fragt Schneider.

Folgen auf den Umzug haben die Verschärfungen nicht. Noch nicht. Rund 200 Zugnummern erwartet Fischer, davon 33 Motivwagen und 55 Komiteewagen. Dies ist keine große Veränderung gegenüber dem letzten Vor-Corona-Umzug 2020. Damals gab es mehr als 210 Zugnummern, darunter 29 Motiv- und 60 Komiteewagen. Doch die Zwangspause tat einigen Wagen nicht gut. „Viele Fahrzeuge haben zweieinhalb Jahre gestanden und kamen nur mit einigem Aufwand über den Tüv“, berichtet der Zugmarschall.

Für kleine Vereine wird ein Wagen zu teuer

Michael Paris, Vorsitzender des Vereins Abenteuerspielplatz Riederwald, wird richtig sauer, kommt die Sprache auf den Tüv. Das Brauchtumsgutachten sei eingeführt worden, nachdem Betrunkene auf einem solchen Wagen nach dem Zug nach Hause gefahren und in einer Kurve vom Wagen gefallen seien. „Aber: Der Wagen war zu schnell, die Fahrgäste waren betrunken. Das ist überhaupt nicht, was auf dem Fastnachtszug geschehen kann.“ Die Kosten für das Brauchtumsgutachten liegen in diesem Jahr bei 176 Euro, eine Verdopplung im Vergleich zu 2019. Auch Paris sieht die Gefahr, dass die Frankfurter Fastnacht künftig mit weniger Motivwagen auskommen muss. Der Wagen des Abenteuerspielplatzes Riederwald trägt in diesem Jahr wieder das Thema „Dschungel“.

Der Abenteuerspielplatz Riederwald ist ein großer Verein, der alleine für 2500 Kinder Fastnachtsveranstaltungen anbietet. Ein kleinerer Traditionsclub wie die Sossenheimer Kerbeburschen haben es ungleich schwerer, die steigenden Kosten zu bestreiten. „Ich schätze, die Kosten für unser Fahrzeug steigen von 5500 Euro auf jetzt 7000 Euro pro Jahr, alleine die Zulassung, der Brauchtums-Tüv, die roten Kennzeichen für zwei Tage, die Versicherung“, sagt Schneider. Darauf zu verzichten, ist für Schneider keine Option: „Wir brauchen den Wagen für die Jugendarbeit, die Nachwuchswerbung.“

Für Jörg Haft, den Vorsitzenden der Fidelen Nassauer, stellt sich die Frage auch, wie lange es noch einen Fastnachtsumzug gibt. „Wir brauchen für unsere Zugmaschine mit Anhänger 16 Ordner, die wir für vier Stunden bezahlen müssen.“ Der Preis pro Stunde sei um mehr als 20 Prozent gestiegen. „Da wird sich mancher Verein fragen, ob man sich noch einen Wagen leisten kann.“ Es komme die Miete hinzu, die Versicherung und anderes. „Es gibt immer mehr Auflagen, und irgendwann geht es einfach nicht mehr.“

Langfristig sieht auch Ulrich Fergenbauer schwarz für den Umzug und fügt der langen Liste von steigenden Kostenpunkten noch Betonblöcke und Absperrgitter an. Und alleine für den Umzug in Heddernheim müssen 180 Ordner sechs Stunden lang bezahlt werden, wobei der Stundensatz von 19 auf 24 Euro gestiegen sei. „Wir müssen jetzt erstmals unsere Rücklagen angreifen“, sagt Fergenbauer. Wenn die Stadt nicht ihre Zuschüsse erhöhe, sei auch in Klaa Paris das Ende des Fastnachtsumzugs absehbar. Zumal der Heddernheimer Zug an einem Arbeitstag stattfindet. Viele Vereine haben nach Corona einen Mitgliederschwund, und die Zahl der Mitglieder, die einen Urlaubstag für die Narretei opfern, ist begrenzt.

1 Kommentar

  1. Das liegt am gnadenlosen Geschäftsgebaren von immer mehr Arbeitgebern, die kein Herz für Traditionen haben. Vor wenigen Jahren noch war es üblich, dass Firmen nur bis Mittags arbeiteten, damit die Leute zum Fastnachtsumzug gehen konnten. Auch Ehrenamtliche bekamen eher mal frei, damit sie sich in den Vereinen engagieren konnten. Heutzutage gibt es Arbeitgeber, etwa der Einzelhandel in der Nordweststadt, die sogar eine Urlaubssperre an Fastnachtdienstag verhaengen. Das ist der Grund auch für den Mitgliederschwund und nichts Anderes!

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