Die Rückkehr aus der kriegsbedingten Evakuierung in das von Bomben zerstörte Frankfurt am Main im Januar 1946

Ein Erlebnisbericht von Klaus Gülden

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Blick auf Frankfurt am Main bei Kriegsende
Blick auf Frankfurt am Main bei Kriegsende

Was bedeutete der Begriff „Evakuierung“ in der Zeit des Zweiten Weltkriegs?
Ein Erlebnisbericht von Klaus Gülden

In 1943 wurden Frauen mit Kindern aufgefordert, besonders die vom Luftkrieg gefährdeten Gebiete mit ihren Kindern zu verlassen. Dies geschah vor allem in großen Städten wie Frankfurt, wo ich es mit meiner Mutter erlebte. Wir fanden Aufnahme in einem Rhöndorf, andere zum Beispiel im Vogelsberg oder Odenwald. Nach Kriegsende 1945 war erst eine Rückkehr in die Heimatstadt möglich.

Nach dem letzten Feldpostbrief meines Vaters (Karl Gülden) vom 18. Januar 1945 aus dem Raum Saargemünd-Bitsch in Lothringen, wo er mit seiner Einheit seit Anfang Januar 1945 als Panzergrenadier eingesetzt war („… es gibt nur Tote und Verwundete“), hatte meine Mutter keine Post mehr erhalten. – Nun begann eine Zeit des bangen Wartens auf die Rückkehr des Vaters. Erst im Januar 1946 erhielten wir Nachricht vom Roten Kreuz, daß er am 22. Februar 1945 in einem Lazarettzug auf der Fahrt in ein Reserve-Lazarett verstorben war und auf dem Stadtfriedhof einer bayrischen Lazarettstadt ein Soldatengrab erhalten hatte. –

Nach dieser Nachricht entschieden wir uns, wieder nach Frankfurt zurückzukehren. Unser Wohnhaus in Alt Heddernheim hatte die Luftangriffe von 1943 bis 1945 überstanden und war nicht beschädigt worden. Für die Rückkehr war aber eine Zuzugsgenehmigung nach der Evakuierung seit 1943 nötig, um weiter Lebensmittelkarten zu erhalten. In unserem Haus hatten wir allerdings drei neue Mitbewohner: Familie Glock. Ihr Haus gegenüber war bombardiert und völlig zerstört worden. Mein Kinderzimmer war als ihre Wohnküche eingerichtet, die sie jedoch abends verließen, um die Nacht im Nachbarhaus in ihrem Schlafzimmer zu verbringen. –

Heddernheimer Depot nach dem 05.10.1943
Heddernheimer Depot nach dem 05.10.1943

In Erinnerung habe ich noch die erste Fastnachtssitzung im Frühjahr 1946 im „Volkshaus“, einer großen Holzbaracke in der Hessestraße. Sie hieß damals auch „Kreml“, weil dort die KPD tagte. Die Sitzung war thematisch durch das Kriegsende und das Ende der NS-Zeit bestimmt. Ein Gedicht des Fastnachtsdichters Hermann Libbach drückte diese Stimmung aus:        

 „Gut Stuss, mit Glanz und Stiwwelwichs beginnt ein neues Jahr,  die Panzerfaust un die Sammelbichs un was sonst noch alles war, des is vergesse un vorbei, die Narrensonne lacht, drum kaaf der noch en Sonnescherm schnell vor de Fassenacht!“

Der Alltag meiner Familie war aber von Trauer erfüllt. Der Kriegstod meines Vaters hatte eine große Lücke gerissen, besonders bei meiner 70 Jahre alten Großmutter. Er war als Sohn ihre „rechte Hand“. Er sollte später zusammen mit meiner Mutter die „Gaststätte Gülden“ übernehmen.

Dem Tod meines Vaters war ein Ereignis voraus gegangen, das für unsere Familie schicksalsbestimmend war: Zwei Amtsträger hatten meinen Vater, der während des Krieges bei der „Feuerschutzpolizei“ dienstverpflichtet war, im Sommer 1944 bei ihren Behörden als „politisch unzuverlässig“ angezeigt. Darauf folgte die Einberufung zur Wehrmacht zum 1. September 1944 und hatte damit auch seinen späteren Kriegstod zur Folge. Er kam zur Ausbildung in ein „Polizei-Schützen-Regiment“. Danach war er ab Mitte Dezember 1944 als Panzergrenadier bis zu seiner Verwundung im Februar 1945 an der Westfront in Lothringen Frontsoldat.

Die beiden Denunzianten haben den Zweiten Weltkrieg heil überstanden und lebten weiter unter uns.

Von Klaus Gülden

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