Lihotzky-Lauben haben keine Lobby

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Wie ein Gürtel ziehen sich die Schrebergärten und ihre Lauben um die Römerstadt, hier am Ende der Ringmauer mit ihren Bastionen. Auf denen wachen inzwischen hoch in den Himmel ragende Bäume, die den Beton der Mauer sprengen. © emg
Wie ein Gürtel ziehen sich die Schrebergärten und ihre Lauben um die Römerstadt, hier am Ende der Ringmauer mit ihren Bastionen. Auf denen wachen inzwischen hoch in den Himmel ragende Bäume, die den Beton der Mauer sprengen. © emg

Mutter der Frankfurter Küche konstruierte auch Gartenhütten – 21 sind noch übrig

Als 1928 die ersten Mieter in die gerade fertiggestellte Römerstadt einzogen, standen vor den Reihenhäusern nur ganz vereinzelt Autos. Doch die Lauben in dem breiten Band von Kleingärten entlang der Siedlungsmauer hatten schon eine Garage. Allerdings nicht für die wenigen Wanderer oder Opel, die auf dem Markt waren – der Käfer kam erst zehn Jahre später – sondern für das Fortbewegungsmittel Nummer Eins seiner Zeit: das Fahrrad.

Geschützt und trocken

Und weil das geschützt und so platzsparende wie möglich im Trockenen untergebracht werden sollte, wurde es mit dem Vorderrad nach oben einfach an einen Hacken in der Decke gehängt. Und die Tür dahinter verschlossen. Eine Idee der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897 bis 2000), die besser als Gestalterin der Frankfurter Küche bekannt ist. Deren Funktionalität wird noch heute gerühmt. Doch die Grande Dame der kleinen Grundriss hat für das Neue Frankfurt (1925 bis 1931) von Ernst May auch Gartenhütten konstruiert. Vier verschiedene Typen – zwischen 4 und 10Quadratmeter groß. Typisiert und standardisiert und deshalb günstig. Allein in der Römerstadt wurden 66 des Models II in den Gärten auf Betonfundamente gesetzt. Und das teilweise noch bevor die Reihenhäuschen fertig waren, wie Bilder aus der Ringmauer beweisen.

Von den einst gut fünf Dutzend Laube sind aktuell noch 21 übrig geblieben. Stand 2017. In diesem Jahr wurden sie von der Kunsthistorikerin Annika Sellmann gezählt und über den Zaun hinweg begutachtet. Grundlage für eine beachtenswerte Master-Arbeit der Denkmalschützerin, die ihre Ergebnisse jetzt auf Einladung der Ernst-May-Gesellschaft – für die sie einige Zeit in deren Geschäftsstelle arbeitete – im Kleingartenverein Heddernheim vorstellte. Und für den Erhalt der noch verbliebenen Lihotzky-Lauben warb. „Die stehen genau genommen so wie die ganze Anlage und die angrenzende Siedlung unter Denkmalschutz“, so Sellmann.

Auch die Ernst-May-Gesellschaft hat dort seit acht Jahren eine Parzelle mit einem Originalhäuschen (siehe nebenstehender Text). Das wir derzeit analysiert – Grundriss, Anbauten, Dach, Holzarten, Einbauteile, Farbauflagen – und soll im kommenden Jahr saniert werden. Originalgetreu. Kein billiger Spaß, der ins Fünfstellige geht. „Wir haben die entsprechenden Anträge schon gestellt“, sagt Christina Treutlein, stellvertretende Geschäftsführerin der Ernst-May-Gesellschaft (emg).

Wie die UNESCO helfen kann

Förderlich ist dabei sicher Frankfurts Bewerbung, die Siedlungen Höhenblick in Ginnheim, die Römerstadt und den dazwischen liegenden Grünzug als UNESCO Weltkulturerbe aufzunehmen. Vor Ende der 20er Jahre dürfte da aber keine Entscheidung fallen, dämpfen Experten all zu große Hoffnungen.

So lange können die verbliebenen Hütten aber nicht warten. Viele – oft baulich noch intakt – wurden durch moderne und größere Exemplare ersetzt. Ein Schicksal, dass sie mit den inzwischen wieder heiß begehrten und hochbezahlten Frankfurter Küchen teilen. Vermutlich wussten die Besitzer nicht einmal , was für ein architektonisches Kleinod sie da zerstören.

„Wir wollen nicht aus jeder Parzelle ein Museum machen“, sagt Annika Sellmann. Aber es gelte den Kahlschlag zu stoppen. Schließlich wurden 1986 von der Stadt noch 45 Lauben gezählt. Inzwischen sind es 24 weniger.

Kein leichtes Unterfangen, wie der KGV Heddernheim zu bedenken gibt, dessen Anlage insgesamt 245 Parzellen umfasst. Marco Rasper, der an diesem Abend den Vorstand vertritt, verweist auf die internationale und interkulturelle Struktur des Vereins, was Verständigungsprobleme mit sich bringe. „Wir haben hier andere Sorgen. Es gibt Mitglieder, die wollen einen Swimming-Pool aufstellen.“ Auch für Einzelgespräche mit den 21 betroffenen Nutzern der historischen Hütten sei wohl kaum Raum. „Wir arbeiten hier ehrenamtlich“, so Marco Rasper.

Etwas ganz Besonderes

Dass die Lihotzky-Lauben keine Lobby haben – einige stehe auch noch am Lohrberg – weiß auch Annika Sellmann. „Sie sind sicher nicht so bedeutend wie die Frankfurter Küche, die weltweit als Mutter aller Einbauküchen gilt. Was wir hier haben sind keine Meilensteine, das ist nicht die Ur-Laube. Aber diese Hütten bleiben in ihrer Kuriosität einfach etwa ganz Besonderes.“ Mit oder ohne Garage.

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