Vergessene Nachbarn: Kriegsopfer der beiden Weltkriege im Frankfurter Vorort Heddernheim

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Heddernheimer Depot nach dem 05.10.1943
Heddernheimer Depot nach dem 05.10.1943

Ein Beitrag zur Heddernheimer Geschichte von Klaus Gülden.

Im November 2018 wurden wir an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert. In diesem Jahr 2020 wird das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 uns in Erinnerung gebracht.

In beiden Weltkriegen haben Nachbarn aus dem Frankfurter Vorort Heddernheim ihr Leben verloren, vor allem sind es Frontsoldaten und Einwohner, die Opfer der großen Luftangriffe in 1943 und 1944 und der Fliegerangriffe in der Endphase des Krieges 1945 wurden.

Stellvertretend nenne ich:

– Heinrich Flörsheim (1898 – 1917)
– Hubertus Fritz Seuffert (1935 – 1943)
– Anna Kunz, geb. Kiel (1908 – 1945)

Der Ort ihrer Grabstätten war jahrelang nicht bekannt. Erst eine „Spurensuche“ nach den Gräbern half mir, sie aufzufinden.

Heinrich Flörsheim geb. am 28. August 1898 in Heddernheim verstarb am 3. März 1917 im Vereinslazarett Dieburg/Hessen. Er diente als Gardist im Hessischen-Infanterie-Regiment Nr. 115, das in Darmstadt stationiert war. Heinrich war der Sohn von Isidor Flörsheim (1870 – 1942)und Ida Flörsheim, geborene May (1874 – 1942). Beide stammten aus alten jüdischen Familien, die seit mehreren Generationen in Heddernheim lebten. Sie ließen ihren Sohn Heinrich auf dem Jüdischen Friedhof in Heddernheim begraben. Dort ruht er noch heute. Sein Begräbnisort war lange Zeit nicht aufzufinden, da er in der Heimat in einem Reservelazarett und nicht an der Front verstorben war.

Isidor Flörsheim, von Beruf Kassenbote, war Vorstandsmitglied der Turnerschaft 1860 Heddernheim und ist auf einem Gruppenbild (ca. 1910) mit seinen Söhnen Heinrich und Hermann (geb. 1904) zu sehen. Der jüngere Bruder Hermann Flörsheim wanderte am 1. Februar 1938 nach New York aus. Nach den NS-Gesetzen durften Juden keine Hausbesitzer mehr sein und auch mit anderen Deutschen nicht in einem Haus wohnen. So verkauften die Flörsheims ihr Einfamilienhaus in der Kastellstr. 10, das sie allein bewohnt hatten, im Dezember 1938 an einen Nachbarn. Dort wohnten sie noch bis Anfang Mai 1939, danach wurden sie in einem sogenannten „Judenhaus“ (Zeil 11) einquartiert. Am 15. September 1942 wurden Isidor und Ida Flörsheim nach Theresienstadt deportiert. Ida Flörsheim verstarb dort am 11. Oktober 1942, ihr Ehemann am 13. Dezember 1942. Vor dem Wohnhaus in der Kastellstr. 10 liegen seit 2006 zwei Stolpersteine, die an sie und ihr Schicksal erinnern sollen.

Hubertus Fritz Seuffert, geb. am 3. Januar 1935 in Frankfurt, verstarb am 4. Oktober 1943 im damaligen Kinderkrankenhaus in der Gagernstrasse, in das er wegen einer Scharlacherkrankung eigeliefert werden musste. Dort starben mit ihm weitere 89 Kinder beim Luftangriff auf Frankfurt – auch eine große Zahl an Bediensteten und Ärzten war unter den Opfern. Hubertus Fritz, den wir „Fritzi“ nannten, war mein Spielkamerad im Nachbarhaus Alt-Heddernheim 45. Seine Eltern waren Hubert und Maria Seuffert. Sie ließen Fritz mit den Opfern dieses ersten grossen Luftangriffs auf Frankfurt im Kriegsopferfeld des Waldfriedhofs Oberrad begraben. Das Grab, das an ihn erinnert, befindet sich noch heute dort. Den Begräbnisort fand ich nach Durchsicht der umfang-reichen Luftschutzakten des Instituts für Stadtgeschichte mit der Sterbeanzeige meines Spielkameraden „Fritzi“.

Anna Kunz geb. am 7. Juli 1908 im Frankfurter Vorort Niederursel, starb am 8. März 1945 beim Luftangriff auf Heddernheim, bei dem ihr Haus Alt-Heddernheim 28 sowie das Nachbarhaus stark zerstört wurden. Im Dezember 1930 hatte sie Heinrich Kunz geheiratet. Er arbeitete als Fernfahrer in einer Frankfurter Spedition. Beide waren mit meiner Familie bekannt. Anna Kunz gehörte zum Freundeskreis meiner Mutter. Während des Krieges besuchte sie uns mit ihrem Mann 1943/1944 im Evakuierungsort in der thüringischen Rhön, wo wir selbst das Kriegsende 1945 erlebten. Der Tod ereilte Anna Kunz drei Wochen bevor amerikanische Frontsoldaten am 29. März 1945 die Stadt Frankfurt eroberten. Anna Kunz bekam ihr Grab im Kriegsopferfeld des Frankfurter Hauptfriedhofs (Gewann VII, Reihe 109, Grab 8).

Autor: Klaus Gülden

1 Kommentar

  1. Leider wird ausschließlich der Opfer der Weltkriege gedacht.
    Da war ein Krieg 1870/71 zwischen Frankreich und Deutschland.
    Den gewann Deutschland. Ich erinnere mich, das Elsaß war damals deutsch.
    Und nun soll das Kriegerdenkmal in Preungesheim entfernt werden…
    Man besuche mal einen französischen Soldatenfriedhof.
    Staunen wird der brave Michel: stolz wird von Waffenbrüdern berichtet.
    Fast auf jedem Grabstein haben Franzosen ihrer ‚Combattants‘ gedacht.
    Die Deutschen gefallen sich anscheinend eher im Leid.
    Nicht nur der Schuld sollte gedacht werden. Es gibt auch in jeder Epoche
    positive Zeiten. Aufrecht gehen, statt ducken stünde dem Deutschen gut !!
    Bitte nicht in die rechte Ecke werfen.

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