Wo die Fastnacht daheim ist

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Satire war bei den Käwwern schon immer Tradition: „Auf zur Schlacht“ hieß es auf der Postkarte zum Umzug am Fastnachtsdienstag 1913. Eineinhalb Jahre später begann der Erste Weltkrieg. FOTOs Käwwern (3)/ Rüffer (1) © Heddemer Käwwern
Satire war bei den Käwwern schon immer Tradition: „Auf zur Schlacht“ hieß es auf der Postkarte zum Umzug am Fastnachtsdienstag 1913. Eineinhalb Jahre später begann der Erste Weltkrieg. FOTOs Käwwern (3)/ Rüffer (1) © Heddemer Käwwern

Heddemer Käwwern feiern runden Geburtstag

Niedlich sollten sie eigentlich sein, die Heddemer Käwwern. Zumindest wenn man von ihrem Vereinsnamen ausgeht. Ist ihr Namenspatron doch ein Käfer, ein Marienkäfer sagen die einen. Der auch die Vereinsstandarte ziert. Während ein anderer Teil der Narren der Version glaubt, dass der Name auf ein altes Wort zurückgeht, das so viel wie verrückt oder kribbelig bedauert. Nichts zu rütteln gibt es derweil an der Tatsache, dass die Heddemer Käwwern der älteste Fastnachtsverein in Frankfurt sind.

Und das wird in der diesjährigen Kampagne gefeiert. Groß und ausgiebig. Endlich, nachdem man fast drei Jahre darauf warten musste. Da spielt es auch kaum eine Rolle, dass die Käwwern ihren 140. Geburtstag feiern, obwohl es mittlerweile eigentlich der 142. sein musste. Gründete sich der Fastnachtsverein doch bereits 1881. So geht es zumindest aus der Chronik hervor.

Nachzulesen auf der Homepage des Vereins oder zu erleben im Fastnachtsmuseum im Alten Heddernheimer Schloss. Der ganze Stolz von Dietmar Pontow, langjähriger Vorsitzender und mittlerweile Ehrenvorsitzender der Käwwern. In Vitrinen lagern dort Stücke über die Fastnacht und deren Vereine in Klaa Paris, beinahe aus jedem Jahr gibt es dort ein Plakat vom jährlichen Fastnachtsumzug sowie zahlreiche andere historische Dokumente. Pontow selber ist übrigens überzeugt von der Käfer-Theorie, nachdem der Verein benannt worden sein soll. „Weil der Käfer umher schwirrt, mit ganz viel Energie und so quirlig ist“, sagt er. Eben wie die Fastnachter.

Ehrensitzung im Februar

Nicht weniger quirlig ist das, was der Verein für die Feierlichkeiten geplant hat. Unter dem Motto „140 Jahre Heddemer Käwwern“ steht die Kampagne in diesem Jahre, gestartet wurde sie mit der Eröffnungsveranstaltung am 19. November. Während zur Ehrensitzung am 4. Februar lediglich geladene Gäste kommen werden, ist die Jubiläumssitzung am 19. Februar öffentlich.

Sitzungen in Sälen? Mit Rednern und Gardetänzern auf der Bühne sowie ihnen zujubelnden Fastnachter im Publikum? Für die Käwwern von einst unvorstellbar. Spielte sich die Fastnacht, die erstmals 1839 gefeiert wurde, doch damals hauptsächlich auf der Straße ab. Vorgänger der Käwwern waren die Fastnachtgesellschaften „Aeppelweingeschwader“ und die „Brenn-Nessel“. Letztere gegründet vom damaligen Volksschullehrer C. F. Bender. Mit seinem Tod 1881 verlor diese ihren Kopf. „Mit dem Ableben des Herrn Bender lag feierliche Stille auf dem heimatlichen Fluren. Heddernheim hatte seine Fastnacht, die jungen Leute ihren höchsten Feiertag verloren. Sie ließen die Köpfe hängen. Ihre Augen waren verschleiert“, schrieb der einstige Käwwern-Präsident Jean Müller in seiner Chronik.

Ein Verein ohne Frauen

Besonders groß war die Trauer dann im Oktober 1881, kurz nach Ende der damals noch acht Tage dauernden Kerb, dem zweiten großen Fest in Heddernheim. So groß, dass sich 43 fastnachtsbegeisterte Männer zusammentaten und sich am 5. Oktober 1881 in die Gründungsliste der „Heddernheimer Käwwern-Gesellschaft“ eintrugen, um auch weiterhin ihre geliebte fünfte Jahreszeit feiern zu können. Frauen spielten damals übrigens noch keine Rolle, erst 1898 durfte sie am närrischen Treiben teilnehmen.

Stets ein Herzstück der damaligen Kampagnen war ein Theaterstück am Fastnachtsdienstag – eine Tradition, die bis heute geblieben ist. Auch wenn es mittlerweile bereits im November, zum Anfang der Kampagne, auf die Bühne gebracht wird. Nicht weniger Tradition hat die Garde der Käwwern, die bis zum Ersten Weltkrieg noch von wirklichen Rekruten gestellt wurde. Dietmar Pontow sieht die Gardisten als parodistische Darstellung des Militärs. „Sie schafften es tatsächlich, das Militär an der Nase herumzuführen“, sagt er. In ihren Uniformen seien sie damals zum Hauptbahnhof gewandert, um heimkehrende Rekruten nach Heddernheim zu begleiten. Mit Halt an der Hauptwache, die damals Dienstgebäude für uniformierte Ordnungshüter war.

Späße mit der Obrigkeit, die bei den Käwwern zur Tradition gehören. So wurde ihnen 1936 gar verboten, Fastnacht zu feiern. Nachdem auf der Titelseite der „Heddemer Käwwern Zeitung“ ein satirisches Bild Hitlers abgedruckt worden war. Ein Skandal, der es sogar bis in die Zeitung Times in London brachte.

Das wirkliche Ende der Fastnacht kam mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939, erst 1946 fanden wieder Sitzungen statt. Im kleinen und bescheidenen Rahmen. Musste sich nicht nur die gesamte Stadt, sondern auch die Fastnacht von den schrecklichen Jahren erholen. Was, wie man heute weiß, wunderbar gelang. Weil ein echter Fastnachter sich eben nicht unterkriegen lässt. Auch wenn die Zeiten noch so schwer sind.

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